
Sony PRS-505: Ein 17 Jahre alter eBook-Reader im Jahr 2025
Die Anzeige auf eBay sprang mir förmlich ins Gesicht: „Klassisches Modell aus Aluminium mit richtigen Tasten, 2008“. Das dazu hochgeladene Bild versprach einen sehr hochwertig aussehenden eBook-Reader mit einem Ledereinband, der ihn wie ein richtiges Buch aussehen lässt:
Was eBook-Reader anbelangt, war ich lange Zeit sehr skeptisch, da ich das haptische Gefühl des Umblätterns und den Papiergeruch alter Bücher liebe und moderne Geräte einfach nur aussehen wie ein weiteres, langweiliges Tablet. Daher ist diese Technologie bisher komplett an mir vorbeigegangen.
Der PRS-505 wird auf vielen Online-Communities jedoch als Heiliger Gral gefeiert – unter anderem aufgrund der hochwertigen Verarbeitung, die moderne Geräte in den Schatten stellt und der Navigation mit physischen Tasten (dieses Gerät hat noch kein Touch-Display). Ob dies wirklich der Fall ist oder eine nostalgische Verklärung durch einige User stattfindet, davon wollte ich mich selbst überzeugen – was kann bei einem Einsatz von 20 Euro schon schiefgehen?
Die Hardware
Die technischen Details des Geräts kann man im Mobile Read-Wiki nachlesen. Es bietet mit seinen zwei Steckplätzen (für SD-Karten und MemoryStick Pro Duo) mehrere Gigabyte Speicherplatz, um jahrelang Bücher lesen zu können. Mein Reader wurde mit einer 16GB-Speicherkarte geliefert, laut einigen Aussagen im Netz scheint dies auch die Maximalkapazität zu sein, die das Gerät verarbeiten kann.
Das Display gehört mit einer Auflösung von 800×600 zwar nicht mehr zu den hochauflösendsten Pixelmonstern, ist aber scharf genug um komfortabel lesen zu können – zumindest meine über 30 Jahre alten Augen haben damit keine Probleme. Es handelt sich um ein ED060SC4-Display, welches auch im amazon Kindle 2 eingesetzt wird und zum aktuellen Zeitpunkt noch einfach zu bekommen ist, auch wenn es offiziell nicht mehr hergestellt wird. Ein Gerät mit zerbrochenem Display zu reparieren ist also noch eine relativ kostengünstige Option, wenn man selbst so einen Reader haben möchte.
Das größte Problem ist der interne Akku. Bei den meisten Readern dürfte dieser einfach platt sein, da der PRS-505 vor allem in den Jahren 2008 bis 2010 verkauft wurde und die Zellen nach so einer langen Zeit keine Ladung mehr halten können. Mein Reader kam noch mit dem Original-Akku und dieser hat stolze 10 Minuten durchgehalten:
Wie man sehen kann, ist der Akku in einen kleinen Metallcontainer eingelassen und mit ein wenig Klebestreifen darin befestigt. Wenn man einen Ersatzakku mit den genau richtigen Abmessungen findet, kann man den alten vorsichtig herauslösen und den neuen genau an der gleichen Stelle wieder einkleben. Sony stellt schon lange keine Ersatzakkus des Typs LIS1382 (C) mehr her, jedoch werden immer noch Ersatzakkus vom Hersteller Cameron Sino produziert, die über verschiedenste Reseller verkauft werden. Ich habe auch einen solchen Akku von Cameron Sino erhalten (der nochmal extra vom Verkäufer relabelt wurde, warum auch immer):
Dieser Akku ist etwas dicker als das Original und die Anschlusskabel werden nicht komplett seitlich herausgeführt, sondern befinden sich an einer Ecke teilweise unter dem Akku, was diesen zusätzlich noch etwas dicker macht. Der Akku passt gerade so ohne den Metallkäfig in den Reader – würde ich ihn noch einmal reparieren, wäre dieser Akku nicht meine erste Wahl – aber er funktioniert und hält sehr lange durch.
Ich verzichte an dieser Stelle auf eine genaue Schritt-für-Schritt-Anleitung für den Wechsel des Akkus – der YouTuber Vitally Zilber hat bereits ein sehr gutes Video produziert. Wichtig ist nur: Selbst wenn man den Metallkäfig für den Akku weglässt, sollte man trotzdem wieder die Schrauben in die dafür vorgesehenen Gewinde einschrauben, damit das Display vernünftig fixiert wird. Ich hatte durch den dickeren Akku außerdem das Problem, dass sich die Elektronik nur bis zu diesem Punkt wieder in das Gerät einschieben ließ:
Der Grund dafür: Der Akku drückt die Elektronik nach oben und diese hängt dann an der Rückseite der Navigationstasten fest. Wenn man das Aluminiumgehäuse etwas auseinanderzieht, kann man die Elektronik wieder komplett einschieben. Das fühlt sich nicht gut an, aber es funktioniert.
Das Gerät kann nur per Mini-USB geladen werden, wenn der Akku nicht komplett leer ist, denn die USB-Ladung wird über die Software kontrolliert, die allerdings nur hochfahren kann, wenn man noch etwas „Saft“ im Gerät hat. Andernfalls benötigt man ein Ladegerät mit Hohlstecker um das Gerät aufladen und hochfahren zu können – es kann auch ein Ladegerät für eine Sony PSP genutzt werden.
Die Software
Man kann das Gerät mit einem neuen Akku im Grunde bereits einfach so nutzen – ist das letzte offizielle Software-Update von Sony aufgespielt, unterstützt der Reader auch gängige Formate wie ePub und PDF. Empfehlenswert ist allerdings, eine modifizierte Software namens „PRS Plus“ auf das Gerät aufzuspielen. Diese bietet weitere Funktionen wie eine Bücherhistorie, eine Sammlung von Spielen, benutzerdefinierte Schriftarten, anpassbare Menüs und vieles mehr.
PRS Plus kann nur aufgespielt werden, wenn das Gerät mit der amerikanischen Softwareversion 1.1.00.18040 geflasht wurde, ansonsten gibt es bei der Installation eine Fehlermeldung und es kann sein, dass der Reader danach gar nicht mehr startet und „gebrickt“ wurde:
Bitte versucht gar nicht erst, PRS Plus auf einer deutschen Originalfirmware zu installieren! Der Reader wurde in verschiedenen Ländern ausgeliefert und auch wenn sich diese vom Funktionsumfang nicht unterscheiden, hat jedes Land eine andere Softwareversion erhalten. Hier in Deutschland ist die letzte Version zum Beispiel 1.4.00.23260.
Um das Gerät auf die „richtige“ offizielle Version zu bringen, wurde ein modifiertes Software-Update gebaut, welches den Reader mit einem Trick davon „überzeugt“, eine ältere Version als Update zu installieren. Ich habe dieses mit Hilfe eines Windows XP-Computers installiert – dazu den Reader einschalten, per USB anschließen und das Update ausführen:
PRS-505 Updater 1.1.00.18040 Special
Ist die offizielle amerikanische Software installiert, kann nun PRS Plus drübergeflasht werden. Ich habe zwei Versionen von PRS Plus gefunden:
- die letzte offizielle Version 2.0.18: PRSP_505_2.0.18
- eine modifizierte Version 2.1.0: PRSP_505_2.1.0 3D 1-5-12_Installer
PRS Plus 2.1.0 entspricht dem allerletzten Entwicklungsstand des Projekts, danach haben die Entwickler nicht mehr daran weitergearbeitet. Es enthält außerdem modifizierte 3D-Grafiken und wurde damals über eine spanische Fanseite bereitgestellt.
Die Installation erfolgt in beiden Fällen exakt gleich:
- Reader an den Computer anschließen
- den Ordner „PRSPInstaller“ auf den internen Gerätespeicher kopieren
- das USB-Kabel abziehen und den Anweisungen zur Installation folgen
Eine erfolgreiche Installation sieht so aus:
Nach einem Neustart steht PRS Plus zur Verfügung und kann nach Belieben und persönlicher Präferenz konfiguriert werden. Die nun dazugekommenen internen Spiele sind definitiv ein Highlight:
Bücher übertragen
Um Bücher auf das Gerät zu bekommen, verwende ich die freie Software Calibre – diese erkennt den Reader automatisch, sobald er an den PC angeschlossen wird und ist in der Lage, alle eBook-Formate in das .epub-Format zu konvertieren.
In Calibre können Bücher nach Sammlungen und Schlagwörtern kategorisiert werden. Der PRS-505 ist leider nicht in der Lage, diese getrennt anzuzeigen und listet dann beispielsweise „Science Fiction“ und „Der Herr der Ringe“ gemeinsam unter dem Punkt „Sammlungen“ auf.
Dieses Verhalten kann in Calibre gesteuert werden. Navigiert man zu dem Punkt Einstellungen -> Erweitert -> Erweiterungen -> Geräteschnittstelle -> Sony Device Interface und entfernt hier den Begriff „tags“ aus der Liste der Metadatenfelder, werden die Schlagwörter nicht mehr in die Sammlungen aufgenommen. Ich habe diese Liste außerdem erweitert, damit Sammlungen aller Bücher nach Titel und Autor angelegt werden:
series,abt:Alle nach Titel,aba:Alle nach Autor
Eigene Schriftart verwenden
Was ich auch erst einmal lernen musste, ist, dass eBooks zumeist mit ihrer eigenen Schriftart ausgeliefert werden und als Alternative eine Standardschriftart angezeigt wird, die Sony auf dem Gerät mitliefert.
Manche eBook-Schriften sind mir persönlich zu klein und die drei Zoomstufen des Geräts sind manchmal zu grob abgestuft, um wirklich komfortabel lesen zu können. Ich hatte mir vor vielen Jahren einmal die Schrift Uni Neue gekauft, um sie in Projekten einzusetzen und festgestellt, dass diese sehr gut auf dem Reader funktioniert und ein angenehmes Schriftbild auch auf der geringen Auflösung bietet.
Benötigt werden nur die Schriftschnitte Regular, Book und Bold und ihre drei dazugehörigen Italic-Varianten. Diese habe ich heruntergeladen, in TTF konvertiert und in einem Ordner fonts im internen Speicher abgelegt:
Danach legte ich die folgende Datei im internen Speicher an:
/database/system/PRSPlus/epub/userstyle.unineue.css
Diese enthält den folgenden Inhalt:
@font-face { font-family: "UniNeue"; font-weight: lighter; font-style: normal; src: url(res:///Data/fonts/UniNeueBook.ttf); } @font-face { font-family: "UniNeue"; font-weight: normal; font-style: normal; src: url(res:///Data/fonts/UniNeueRegular.ttf); } @font-face { font-family: "UniNeue"; font-weight: bold; font-style: normal; src: url(res:///Data/fonts/UniNeueBold.ttf); } @font-face { font-family: "UniNeue"; font-weight: lighter; font-style: italic; src: url(res:///Data/fonts/UniNeueBook-Italic.ttf); } @font-face { font-family: "UniNeue"; font-weight: normal; font-style: italic; src: url(res:///Data/fonts/UniNeueRegular-Italic.ttf); } @font-face { font-family: "UniNeue"; font-weight: bold; font-style: italic; src: url(res:///Data/fonts/UniNeueBold-Italic.ttf); } body { font-family: "UniNeue"; }
Diese Schrift kann nun in PRS Plus ausgewählt werden und wird in allen Büchern angewendet.
C.J. Cherry’s „Foreigner“ sieht so wirklich gut aus:
Fazit
Dieser Reader ist wirklich ein tolles Stück Hardware. Die Verarbeitung ist sehr hochwertig und zusammen mit dem Leder-Case hat man richtig Spaß, ihn in die Hand zu nehmen. Ich habe meine Freude am Lesen wiederentdeckt! Das darauf installierte Linux-System lädt zum Hacken ein und dank Calibre und benutzerdefinierter Schriften können auch moderne eBooks immer noch problemlos gelesen werden. Ist der Reader etwas langsam bei der Navigation? Ja. Ist der Akkuwechsel möglicherweise nervenaufreibend? Auch ja. Aber man wird mit einem einzigartigen Gerät belohnt, an dem man noch viele Jahre Freude haben kann.
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